Online Finetrading zur Erweiterung des Portfolios

Viele Banken fürchten sich. Sie bangen um ihr Geschäft, das ihnen FinTechs streitig machen. Deren Vorteil: Sie sind Kunden-Versteher. Die Folge: Banken suchen nach Partnerschaften mit den Finanz-Start-ups. Das ist ein Ergebnis einer aktuellen PwC-Studie (Global FinTech Survey 2016).

Drei von vier Banken befürchten, Teile ihres Geschäfts an die technisch versierten „Emporkömmlinge“ zu verlieren. Die klassischen Kreditinstitute müssen mitansehen, wie die Frischlinge sich an ihnen vorbei direkt an Endverbraucher und Unternehmen heranschlängeln. Sie sorgen sich um ihre Marktanteile und fürchten den Wettbewerbsdruck. Laut Report nehmen viele Banken FinTechs als Bedrohung wahr. Dabei glauben drei Viertel der Dinos: Die Marktneulinge fokussieren sich besser als sie selbst auf die Kunden. Das sei deren Erfolgsrezept. Andersherum: Orientierung hin zum Kunden sei nach wie vor die Schwachstelle traditioneller Bankhäuser. Das wissen die Finanz-Start-ups für sich zu nutzen. Sie entwickeln neue Lösungen, gehen auf die Wünsche von Verbrauchern und Firmen ein. Etliche althergebrachte Banken hinken hinterher. Und haben daran zu kauen, dass sie ihre Monopolstellung verlieren.

Die Zukunft heißt Kooperation

Ein Praxisbeispiel schildert, wieso sich mittelständische Unternehmen immer öfter eine Finanzierungs-Alternative aus dem Netz angeln und wie es in Zukunft zwischen Newcomern und Old Economy weitergehen kann: Der Hamburger Familienbetrieb Zietz-Elektrotechnik ist klassisch hanseatisch geprägt. Die Hausbank seit Jahren vertrauter Partner des Handwerkers mit 20 Mitarbeitern. Das Kreditlimit ist selten vollkommen ausgeschöpft. Man kennt sich. Man schätzt sich. Doch für einen Großauftrag eines langjährigen Kunden aus dem Stadtteil Hamburg-Niendorf wählt Arno Zietz, Firmenchef der zweiten Generation, eine alternative Finanzierung.

Der Unternehmensberater des Betriebs bringt Finetrading ins Spiel. Für die anstehende Großbaustelle musste Zietz Elektroverteiler (mit einer Größe von 2×3 Metern) und Unmengen an LED-Leuchten einkaufen. Das Gesamtvolumen der Neubau-Werkshalle beläuft sich auf rund 1,5 Mio. Euro – reine Elektroinstallation. Für den Diplom Elektroingenieur steht schnell fest, dass er darüber nicht mit seiner Bank verhandeln will. Zumal es sich um kurzfristigen Liquiditätsbedarf handelt. Als zu träge schätzt er die Entscheidungswege ein. Und die Konditionen des Finetraders sind vielversprechend für 120 Tage Zahlungsziel.

Schnell sind sich Elektrotechniker und Finanzdienstleister einig. Ähnlich einem klassischen Kontokorrentkredit stellt der Finetrader eine Finanzierungslinie bereit. Basis für die Finanzierung ist jedoch kein Kredit, sondern ein Handelsgeschäft. Kunden wie Zietz verhandeln nach Abschluss eines Finetrading-Vertrags wie üblich die Preis- und Liefermodalitäten mit dem Lieferanten. Im Unterschied zu herkömmlichen Geschäftsabläufen springt der Finetrader bei Vertragsabschluss als Zwischenhändler ein. Er erwirbt die Ware für einen definierten Finanzierungszeitraum von bis zu 150 Tagen.

Nach Auftragsfreigabe und Bestellung durch den Finetrader wird die Ware geliefert – an die vom Kunden angegebene Anschrift. Das FinTech begleicht die Rechnung des Lieferanten unverzüglich. Der Kunde kann dennoch das vom Finetrader gewährte Zahlungsziel voll in Anspruch nehmen. Auf diese Weise schont der Besteller die Liquidität seines Unternehmens und verringert die Kapitalbindung. Zudem verbessert er die Verhandlungsposition gegenüber seinem Lieferanten und kann als quasi Barzahler weitere Rabatte oder ein höheres Skonto verhandeln und durchsetzen.

Finetrading ähnelt in gewisser Weise dem Factoring. Doch statt Rechnungen zu verkaufen, wie beim Factoring üblich, und innerhalb von zwei Tagen Geld auf dem Konto zu sehen, bedeutet Finetrading wie geschildert ein verlängertes Zahlungsziel. Beide Finanzierungsinstrumente sorgen für eine höhere, kurzfristige Liquidität.

So geht Online Finetrading

Online Finetrading finanziert demnach den Einkauf vor. Expansionsfreudige Firmen oder Betriebe, die ihre Angebotspalette erweitern wollen, können dies tun, ohne Banken einzubeziehen. Finetrading wird gerne eingesetzt, wenn der Kreditrahmen bei der Hausbank am Limit steht. Der Unternehmer jedoch einen Wareneinkauf tätigen will, weil etwa ein Sonderangebot vorliegt oder Saisonware gekauft werden soll.

Ein anschauliches Beispiel ist die Beschaffung von Winterreifen. Die kaufen Speditionen oder Werkstätten idealerweise im Hochsommer. Da sind die Einkaufspreise günstiger als ein Quartal später, wenn im Oktober die Saison losgeht. Beim Online-Finetrading kann nun der Reifenkäufer einen wie oben beschriebenen Finanzrahmen vereinbaren. Das Limit pro Transaktion liegt bei 20.000 Euro – bei Anbietern wie interFin. Der Mindestbestellwert beträgt hier 500 Euro. Demnach ist die Zielgruppe für das virtuelle Finanzierungsgeschäft im Bereich von kleinen Handwerksbetrieben, Händlern oder Dienstleistern anzusiedeln. Oder größeren Mittelständlern, die in diesem Korridor immer wieder kleinere Finanzlücken schließen möchten.

Beim Online-Finetrading legen die Kunden auf dem Internet-Portal ihre Lieferanten an und laden die zu finanzierenden Angebote hoch. Für die Bonitätsprüfung muss der Einkäufer lediglich Steuer- sowie Handelsregisternummer angeben. Bei positiver Einschätzung hat er binnen weniger Stunden die Finanzierungszusage im E-Mailpostfach. Danach kann er den Deal über den Finetrader abwickeln.

Vorteil Banken: Portfolio erweitern

Die PwC-Marktbeobachter sehen bei rund 40 Prozent der Banken Partnerschaften mit FinTechs. Die Pfiffigen unter ihnen lernen inzwischen auf Kunden und die Newcomer zuzugehen. Sie kollaborieren. Dabei bringen die Start-ups Produktdesign und Entwicklung ein. Die Banken liefern Vertriebs- und Infrastruktur. Manche entdecken darin sogar ein Geschäft. Sie richten Risikokapitalfonds für die Finanzierung der FinTechs ein. Besonders gut sind die jungen Wilden darin, einfache Produkte zu entwickeln und diese nahtlos zu implementieren. Schwächen haben sie oft in passender IT- oder bei der Rechtssicherheit. Bei beidem können die Banken punkten.

Das stärkste Argument für klassische Kreditinstitute, mit frischen FinTechs zu kollaborieren, ist eine Erweiterung des eigenen Produktportfolios. Auch um das eigene Risiko zu mindern, bietet sich die Zusammenarbeit etwa mit einem online Finetrader an. Analysten sehen zudem einen Imagegewinn, den sich Banken über die Zusammenarbeit mit einem FinTech einkaufen. Die innovative und moderne Strahlkraft der Start-ups strahlt auf die Banken ab, die ihren Kunden gegebenenfalls kurzfristig einen erweiterten Finanzierungsspielraum anbieten können. Gelingt die Kollaboration, profitiert die Bank langfristig davon. Denn mit überschaubarer Investition und einer für sie unkomplizierten Abwicklung, kann sie vor allem expandierenden Firmenkunden helfen.

Schöpfen diese ihren Rahmenkredit bei der Hausbank schnell aus, kann der Firmenkundenberater zwar eine begrenzte Überziehung genehmigen. Diese wiederum ist aber teuer und wirkt sich lange Zeit negativ auf das Rating des Kunden aus. Die Überziehung ist länger als ein Jahr negativ zu bewerten. Das Rating der Firma wird schlechter. Unabhängig davon wie gut oder schlecht sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern. Letztlich kostet eine kurzfristige Überziehung des Kontokorrentkredits höhere Zinsen.

Kommen Überziehungen zudem häufiger vor, wird die Bank Sicherheiten nachfordern müssen. Was sich wiederum als Aufwand ohne echten Ertrag herausstellen kann und die Beziehung zum Kunden wird unnötig belastet. Ein weiterer Grund für eine Kooperation mit einem FinTech kann ein zweistelliges (prozentuales) Wachstum sein. Das kostet Liquidität. Die der Bank zur Verfügung stehenden Blankoanteile sind unter Umständen schnell ausgeschöpft. Finetrading ist in der Regel ratingunschädlich und hat meist positive Auswirkungen auf die Finanzkennzahlen. Zumal es keine Sicherheiten benötigt. Das dadurch verbesserte Rating nützt dem Kunden wie auch der Bank. Diese kann bei künftigen Darlehen weiterhin günstige Konditionen anbieten. Vertieft sich die Kooperation zwischen Bank und Finetrader, können sogar Provisionen erwirtschaftet werden.