Negativzinsen: Licht am Ende des Tunnels

Während die US-Notenbank bereits umgesteuert hat, dürfte in Europa der Leitzins bis zum Frühjahr 2018 stabil bleiben

Als Folge der Finanzmarktkrise im Jahr 2008 haben die Zentralbanken der Welt den Zins drastisch gesenkt. Wobei die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen im Euroraum später als die US-Notenbank Fed zurückgeführt hat. Seitdem hat auch die EZB den Zins schrittweise auf ein Rekordtief von null Prozent gesenkt.

Kredite ohne Erspranis

Für Ökonomen wie Thorsten Polleit gibt es vor allem zwei wichtige Gründe, warum die aktuellen Zinsen „unnatürlich“ niedrig sind:

1.  Die Zentralbanken (in Kooperation mit den Geschäftsbanken) weiten die Geldmenge per Kreditvergabe aus – durch Kredite, denen keine „echte Ersparnis“ zugrunde liegt.

2.  Die Zentralbanken treten als Käufer auf den Anleihemärkten auf und drücken dadurch die Zinsen zusätzlich nach unten. Die Notenpresse der Zentralbanken wurde auch angeworfen, um strauchelnde Schuldner vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren. Durch diese „Versicherungsleistung“ senkten sie die Zahlungsausfallprämien in den Kreditmärkten und ermutigen dadurch Investoren, Schuldnern mit vergleichsweise schlechter Kreditqualität neues Geld zu leihen.

Achtung Blasenbildung

Die niedrigen Marktzinsen drängen Investoren dazu, in relativ risikoreiche Anlagen wie Aktien oder hochrentierliche Bonds zu investieren. Als Folge dieser breit angelegten Kapitalfehllenkung kann es zu „Blasen“ auf den Vermögensmärkten kommen. Auf der „Jagd nach Rendite“ und als Folge der künstlich niedrigen Zinsen investieren institutionelle Anleger zusehends in Immobilien. Da sich mittlerweile an vielen Märkten eine beträchtliche Blase herausgebildet hat, scheint sich ein Umdenken bei den Zentralbankern anzubahnen.

Da EZB-Präsident Mario Draghi vor kurzem Andeutungen zu einem möglichen Ende der lockeren Geldpolitik und der Anleihekäufe gemacht hat, ist in Europa das Zinsniveau merklich gestiegen.

Zinsniveau steigt

Auf ihrer jüngsten Sitzung im Juni hat die EZB Leitzinsen und Ankaufsprogramme, wie erwartet, unberührt gelassen. Trotz der anhaltend guten Wachstumszahlen in der Eurozone und der gestiegenen Inflationsrate. Unterdessen hat die US-Notenbank die Leitzinsen zum zweiten Mal in diesem Jahr angehoben. Damit ist nun ein Zinsniveau von 1,0 bis 1,25 Prozent erreicht. Die Fed stellt zudem noch eine weitere Zinsanhebung für 2017 in Aussicht. 2018 soll der Zinserhöhungszyklus weitergehen.

Mit Blick auf die kommenden zwölf Monate stellt sich dennoch die Frage, ob bzw. wann die EZB den Leitzins nach oben anpasst. In „normalen“ Zeiten spräche das spürbar verbesserte konjunkturelle Umfeld in der Eurozone für eine zeitnahe Leitzinserhöhung. Zunächst dürften die Negativzinsen, die erhebliche Kollateralschäden in der europäischen Finanzarchitektur zur Folge haben, wohl im dritten Quartal 2017 kassiert werden. Im vierten Quartal dürfte eine ernste Debatte über den ersten Zinsschritt beginnen, der wohl im ersten Halbjahr 2018 auf der Agenda steht. Zeitgleich ist davon auszugehen, dass die quantitativen Maßnahmen ab 2018 sukzessive verringert werden.